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Happy

Text: Samir H. Köck Fotos: Sony

Pharrell Williams ist ein Hipster mit Massenanziehungskraft. Mit „Happy“ hat er die Welt verzaubert. Nun folgt mit „G I R L“ ein phänomenal gutes Album, mit dem er in die Fußstapfen von Prince und Michael Jackson tritt. Da kann er es sich schon mal leisten, in der „Oprah Winfrey Show“ ein paar Tränen der Rührung zu zerquetschen.

Etwas zu schaffen, das die ganze Welt infiziert, , davon können die meisten Popkünstler nur träumen. Dem 41-jährigen Sänger und Produzenten Pharrell Williams wurde dieser inflationäre Traum zur Wirklichkeit. Sein im Juni des letzten Jahres veröffentlichter Song „Happy“ wurde zum Flächenbrand und erreichte in 175 Ländern die Spitze der Hitparade. Williams’ Idee, davon ein 24-Stunden-Video an einer Tankstelle zu drehen, zeitigte massive Folgen. Hobbyfilmer aus der ganzen Welt, vom Hochkar bis nach Tahiti, von Kapstadt bis Buenos Aires drehten charmant verwackelte Videos davon, wie sich Menschen aus allen Lebensbereichen die Glieder zu den minimalistischen Beats verrenken. Ähnliche Aktivierung der Massen lösten früher schon Lieder wie „YMCA“, „Macarena“ und „Lambada“ aus. Mit dem Unterschied, dass man diese bald nicht mehr hören konnte, während „Happy“ etwas Unzerstörbares innezuwohnen scheint. Das ursprünglich für den Film Despicable Me 2 kreierte Stück war zudem auch für den Oscar nominiert. Williams nahm es relativ gelassen. Es war sein dritter Welthit seit Mitte 2013. Zunächst triumphierte er als Vokalist von Daft Punks Sommerhit „Get Lucky“, kurz darauf löste er als Duettpartner von Robin Thicke Kontroversen mit dem tendenziell frauenfeindlich inszenierten „Blurred Lines“ aus. Grund genug für Williams, sein zweites Soloalbum G  I  R  L  zu nennen. „Ja, mit Großbuchstaben und zwei Pausen zwischen den Buchstaben“, sagt er mit fester Stimme. Flankiert von drei hübschen Girls und Company-Granden, machte er in einem abgedunkelten Konferenzraum mit seinem kreativen Animo bekannt: „I wanted to make an album this time that explains the full spectrum of my appreciation for women.“ Die vielen Missverständnisse, die durch das „Blurred Lines“-Video entstanden sind, galt es „auszubalancieren“. Durchaus seriös formulierte Williams seine frauenpolitischen Statements. Er, der in seinen Firmen, etwa der Boutiquenkette Billionaires Club vorzugsweise Frauen anstellt, forderte gesamtgesellschaftliche Veränderung wie den gleichen Lohn für gleiche Arbeit: „Von Frauen bekomme ich die wertvollsten Ratschläge ...“ Mit dem Einzug der Musik bei der exklusiven Londoner Listening Session war allerdings wieder schnell Schluss mit der Politik. In seinen neun neuen Songs (der zehnte ist das bekannte „Happy“) geht es einmal mehr um die fatale Anziehungskraft des Weibes. Mit bedachtsam gewählten Worten schwärmte Williams von Silhouetten und Düften, von Farben und Formen jener Damen, die seine Innenwelt nachhaltig wärmen. Der Opener „Marilyn Monroe“ beeindruckt mit einem schwärmerischen Geigenintro von Hollywood-Filmkomponist Hans Zimmer. Dann setzen heftige Beats und eine funky Gitarre ein. Im Text zeichnet er Traumgesichter von Marilyn Monroe, Cleopatra und Joan of Arc, letztlich beschwor er aber eine Schönheit, die nicht auf den ersten Blick zu sehen ist. Gegen Ende des Songs wird ihm bewusst, dass es keine Worte braucht, wo es Blicke gibt: „I don’t need no adjectives for this girl“, fiepst es aus den mächtigen Lautsprechern. Zum großen Wumms aus dem Subwoofer klatschte Williams verzückt in die Hände, spielte Luftgitarre und verdrehte beim stummen Mitsingen gar ekstatisch die Augen. Der Mann ist mit Recht von seinem Werk überzeugt. Das war bei seinem ersten Soloalbum In My Mind vor acht Jahren anders. Er, der erfolgreiche Produzent, der Stars wie Madonna, Justin Timberlake und Britney Spears mit Hits versorgt hatte, hievte sich aus dem wohligen Dunkel der Studios. Es fühlte sich unbehaglich an. Mit seinem Produktionsteam The Neptunes und seiner Rockband N.E.R.D hatte er wohl eigene Hits, aber ein Frontmann war er noch lange nicht. Das ist heute gänzlich anders. Pharrell Williams ist gereift und mit sich völlig im Reinen. Was er angreift wird zu Gold. Der Mann hat tatsächlich als Produzent und Songwriter Midasgaben. Ob es um „Liar Liar“, den Sommerhit des kubanischstämmigen Talents Cris Cabs geht oder Hitparadenveteranin Kylie Minogue, der er gerade das laszive „I Was Gonna Cancel“ auf den Leib schneiderte – was er angreift stürmt die Hitparaden trotz des jeweils hohen Qualitätslevels. Und so ist auch sein famoses neues Album durchzogen von einem unabweisbaren Gefühl von Euphorie. Die ist durch Perspektivenwechsel entstanden. Die frühere Ego-Zentriertheit ist dahin. Ab sofort forscht Williams nach den altruistischen Möglichkeiten im Dasein. In die optimistischen Szenarien stimmten auch die geladenen Stargäste fröhlich ein. Mit Justin Timberlake zelebriert er in „Brand New“ die Magie der Selbererneuerung. Mit Bad Girl Miley Cyrus tändelt er verführerisch in „Come Get It Bae“ und mit Soul-Diva Alicia Keys zwitschert er hingebungsvoll im Soulstück „Know Who You Are“. Ja, selbst die Roboter von Daft Punk haben ihren Auftritt. Im verschummerten „Gust Of Wind“ dürfen sie in ihre patinierten Vocoder hauchen. Dieses von Arrangeur Hans Zimmer stark an den sensuellen Siebzigerjahre-Soul von Leroy Hutson angelehnte Stück verbindet Schönheit und Schmerz auf ideale Art. „Hans Zimmer ist wie ein großer Bruder für mich. Er ist Mentor und auf vielerlei Art auch ein Lehrer für mich“, schwärmt er vom Hollywood-Filmscore-Weltmeister. Mit Musikern wie Prince könnte sich Pharrell Williams in Zukunft auch eine Zusammenarbeit vorstellen. Er formuliert es vorsichtig. „Ich habe Prince getroffen und schon mit ihm geplaudert. Mir ist klar, ein Prince braucht mich nicht. Er ist einfach extrem gut. Aber irgendeine Art von Zusammenarbeit wäre ein Traum für mich.“ Wie Prince ist Williams nicht ausschließlich durch schwarze Musikstile geprägt. Pharrell liebt Kraftwerk und Devo genauso wie die Helden des Soul. Beeindruckend, wie Pharrell Williams auf G I R L unterschiedlichste Stränge der Black Music mühelos in ein Konzept von Pop einschmilzt, das auch jenen zugänglich ist, die nicht mit Soul, Funk und HipHop sozialisiert wurden. Man darf getrost sagen: Er tut es auf dem gleichen Niveau wie einst Prince und Michael Jackson, die in den achtziger Jahren als erste Schwarze erfolgreich in den Mainstream drängten. Genau wie diese überzeugt Williams mit schnittiger State-of-the-Art-Ästhetik. Melodiöse Lieder wie „Hunter“ und „Gust Of Wind“ sind geradzu angefüllt mit neuen Ideen und klingen dabei dennoch herrlich schwerelos. Nach Jahrzehnten des Feilens am perfekten Beat scheint nun die Zeit des Erntens gekommen. Drei Grammys hat Pharrell Williams heuer eingeheimst, der Oscar für „Happy“ sollte sich dann leider doch nicht ausgehen. Williams kann es besser verkraften als die vielen Videos, die Fans aus allen Ecken der Welt zu seinem Song „Happy“ machen. Mit einem Zusammenschnitt davon in der „Oprah Winfrey Show“ konfrontiert, brach Williams tatsächlich in Tränen aus. Was die sehr gerührte Talkshow-Moderatorin, die oft so abgebrüht wirkt, dann noch ins Philosphieren brachte: „Weißt du Pharrell, das was du da geschaffen hast, das transzendiert eben alles. Es ist etwas, das direkt von Herz zu Herz geht.“ Sogar seinen imposanten, von Vivien Westwood designten „Mountain Hat“ spendete er wohltätigen Zwecken. Für nicht weniger als 15.200 Dollar ging er über ebay an einen Fan. Pharrell ohne Hut, ist das nicht wie ein Haus ohne Dach? Nur kurz  zuckt er mit den Achseln, dann zitiert er sich schlau selbst: „Clap along if you feel like a room without a roof, because I’m happy ...“ Und was das Cover anlangt, meinen nur die Böswilligsten, dass hier gewisse Spuren von Sexismus auszumachen wären. Es stimmt wohl, dass sich Williams wie die drei Damen in Frotteebademänteln darauf tummeln, aber dass sie gerade aus den Schlafgemächern kämen, ist eine Unterstellung. Williams im Modus des Erklärens: „Ich stehe bloß bei ihnen. Die Botschaft scheint mir klar: Sie erlauben mir, dass ich in ihren erlesenen Club komme.“ Und was sagt seine frisch angetraute Ehefrau, das sehr natürlich wirkende, immens sympathische Model Helen Lasichanh zu dem Auflauf an Girls, den Pharrell Williams stets provoziert, wenn er bei gesellschaftlichen Ereignissen auftaucht? „She’s fine. She knows me. She knows me very well.“


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