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Foto: Magdalena Blaszczuk

Hans Hurch

Hans Hurch, geboren 1952 in Schärding, gestorben 2017 in Rom. Ehemals Filmpublizist, Assistent des französischen Filmemachers Jean-Marie Straub und Kurator der Aktion „Hundertjahrekino“, leitete er seit 1997 erfolgreich die Viennale und drückte ihr seinen ganz persönlichen Stempel auf. Im Gedenken an diesen bedeutenden Mann der Wiener Kulturszene hier ein sehr erhellendes Interview aus dem Jahr 2011. Er spricht darin über seine ersten Filmerfahrungen, darüber, warum man Kino nicht vermitteln kann, über Hietzinger Bürgertöchter, den Kapuzenmann und über sein Image als Reibebaum der österreichischen Filmszene.

Du bist in Schärding geboren und aufgewachsen und wohl auch zum ersten Mal im Kino gewesen. Woran erinnerst du dich?
Ich erinnere mich sehr gut, weil mich das sehr beeindruckt hat, an ein Programm mit früher amerikanischer Stummfilmkomik, also Laurel und Hardy (oder „Dick und Doof“, wie man sie damals nannte), Buster Keaton war wohl auch dabei. Da war ich noch in der Volksschule. Man hat uns ins Rex-Kino verfrachtet, und wir hatten viel Spaß. Die Lehrer hatten aber einen Hintergedanken: Die gingen nämlich nebenan in ein Lokal, um zu essen und zu trinken – ein legendäres Lokal mit dem schönen Namen „Bums’n“, das es heute noch gibt. Dort gibt es Kappen, auf denen steht: „24 Stunden Bums’n“, eine Kappe, die auch der bedeutende Filmemacher Peter Kubelka bis heute stolz trägt, der stammt nämlich aus Taufkirchen bei Schärding. Ich behaupte aber nicht, dass ich damals schon gewusst hätte, ich würde später im Filmbereich tätig sein.

Man hat euch also Film schon sehr früh vermittelt?
Nein, Gottseidank nicht! Film und Kino braucht man nicht zu vermitteln. Das Kino ist die reine Freude und vermittelt und erklärt sich von selbst, es ist für jeden eine Entdeckung, die muss jeder selbst machen, da braucht man gar nichts zu erläutern und aufzubereiten. Mir tun alle Menschen Leid, die heute unter Frau Ministerin Schmied Film „vermittelt“ bekommen.

Das Rex-Kino gibt es aber nicht mehr …
Schon lange nicht mehr. Das ist, so wie das Froschauer-Kino, in den Sechziger Jahren dem Kinosterben zum Opfer gefallen. Weil es für uns nahe lag, sind wir dann mit unseren KTM-Mopeds nach Passau gefahren, das ja nur 15 Kilometer entfernt liegt. Und da gab es jeden Donnerstag im Filmclub ein Programm, das hieß „Der besondere Film“. Dort sah ich zum Beispiel einen Film von Joseph Losey, Accident, auf deutsch Zwischenfall in Oxford. Der hat mich schwer beeindruckt, ich dachte: „Also so geht es zu zwischen den Menschen, die Männer betrügen ihre Frauen …“ Wir sind ganz aufgeregt nach Hause gefahren. Bergman habe ich dort gesehen, Peppermint Frappé von Carlos Saura, und vieles andere, jeden Donnerstag abend.

Dass du nach Wien gegangen bist, hatte das mit dem typischen „Gefühl der Enge“ zu tun, oder war das sozusagen eine natürliche Sache?
Das war normal. Nach der Matura wird studiert, das war klar. Wer brav ist und wirklich studieren will, der geht nach Innsbruck, so hieß es, und wer ein bisschen mehr erleben will, der geht nach Wien. So war das bei mir auch. Ich habe aber, weil mich das interessiert hat, begonnen, Kunstgeschichte zu studieren. Was ich nicht wusste, war, dass das ein Studium für Hietzinger Töchter mit Perlenketten war, die sich die Zeit vertrieben, bis sie geheiratet wurden und wissen wollten, wie viel ihre eingelegten Barockmöbel wert sind. Da bekam ich die Krise und habe umgesattelt auf Psychologie, Soziologie, was man halt in den siebziger Jahren so studiert hat. Was mich wirklich interessierte, war das Nebenstudium zur Kunstgeschichte, dass ich noch eine Zeit lang weiter betrieb, nämlich Archäologie, das fand ich sehr spannend. Das hat für mich etwas mit Kino zu tun, dass man aus einzelnen Teilen, so aus Dokument und Phantasie, eine Welt zusammenbaut. Aber damals studierte man einfach nicht Archäologie, sondern Soziologie, und so wurde ich zum Studienabbrecher.

Wenn von dieser Zeit die Rede ist, sagen die einen: Wien war tot, und die anderen, dass damals unglaublich viel los war, viel mehr als jetzt, kulturell und vor allem politisch.
Ich glaube, beides stimmt. Wien war vielleicht keine besonders moderne und aufgeschlossene Stadt, aber natürlich gab es kleine Biotope, in denen man interessante, intelligente und ungewöhnliche Leute antraf. Nur so war etwas wie die Besetzung der Arena oder die Gründung des „Falter“ möglich. Der frühe „Falter“, das war eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Und ich glaube, das ist der Grund, warum etwa der Aktionismus in Wien so stark war: Unter einem bestimmten Druck, in einem repressiven Klima passieren einfach aufregende Dinge.

Wie bist du denn zum „Falter“ gekommen?
Kennengelernt habe ich die Leute, weil Armin Thurnher lange mit meiner Schwester zusammen war. Ich kann mich erinnern, als ich das erste Mal in der Redaktion war, damals noch in der Eßlinggasse, da saßen die alle auf Matratzen, mit langen Haaren und Sonnenbrillen, und ich dachte: Das sind ja coole Typen. Eines der ersten Dinge, die ich beim „Falter“ gemacht habe, zusammen mit Armin, war „Das Interview mit dem Kapuzenmann“. Der Kapuzenmann war ich, denn wir hatten am Abend vorher Wände besprüht – gegen Stammheim. Es gab da so ein Umfeld an RAF-Symapthisanten … Wir trafen uns im Café Hummel, unter anderem ein späterer Palmers-Entführer und eine Dame, die heute ein relative hohe Position im ORF hat, und haben darüber diskutiert, was wir denn sprühen sollten, lautstark, in dem voll besetzten Lokal. Das muss man sich einmal vorstellen. Schließlich einigten wir uns auf „Baader, Ensslin, Raspe – erselbstmordet“. Das fanden wir sehr originell. Für die „Kronen Zeitung“ reichte es. Die schrieb, es gebe einen Sumpf, den man trockenlegen müsse. Wenn die gewusst hätten, dass das eine Gruppe von vielleicht zehn Leuten war!

Aber du hast auch begonnen zu schreiben ...
Nicht viel. Mein Freund Thomas Mießgang sagt immer, meine Karriere sei die schäbigste im Wiener Kulturbetrieb ... ein Mann, der mit acht veröffentlichten Artikeln Festivaldirektor geworden ist, das findet er bodenlos.

Naja, ein paar mehr waren es schon ...
Okay, vielleicht zwölf. Auf jeden Fall, für mich war der „Falter“ sehr wichtig, weil er auf vielen Ebenen prägend war, politisch, kulturell, und dass ich eine Freiheit hatte, Dinge zu schreiben, ohne dass jemand interveniert. So konnte ich seitenweise über Jean-Marie Straub schreiben, oder über Raúl Ruíz, Dinge, die kein Mensch gekannt hat. Ich bin dann zum ersten Mal auch auf Festivals gefahren, habe Interviews gemacht und mich sehr ausführlich mit Film beschäftigt. Ganz wichtig war für mich das Stadtkino, das damals neu entstand unter Franz Schwartz – ich halte Franz Schwartz für eine der wichtigsten Figuren in der Filmkultur der letzten Jahrzehnte. Wenn ich heute eine Chantal-Akerman-Retrospektive bei der Viennale mache, dann denke ich an meine erste Begegnung mit ihren Filmen und mit ihr, das war im Stadtkino, wo sie anwesend war. Und das ist nur eines von ganz vielen Beispielen. Oder wenn ich mit Aki Kaurismäki die Viennale eröffne ... Franz Schwartz hat Kaurismäki für Österreich entdeckt. Und das Filmmuseum war natürlich sehr wichtig, das war für mich eine Schule des Sehens.

Noch einmal zur Vermittlung: Letztlich sind ja auch das Schreiben über Film und die Leitung eines Filmfestivals Formen von Vermittlung, oder?
Ich muss das von vorhin vielleicht präzisieren: Ich mag diese Art „Aufbereitung“ nicht, wenn man glaubt, weder der, der einen Film sieht, noch der Film selbst seien „gut genug“. Du hast recht, ich mache seit Jahrzehnten nichts anderes, als über Filme zu schreiben, Programme auszuwählen oder eben das Festival zu programmieren. Aber ich sehe mich als „Go-Between“, als jemand, der eine Verbindung schafft. Und im besten Fall als Schmuggler, so wie ich damals Straub in den „Falter“ eingeschmuggelt habe, den gab es nicht auf dem Markt. Ich hoffe, dass auch im Viennale-Programm immer noch Schmuggelware drinnen ist. Walter Benjamin hat gesagt, ein guter Autor oder Kritiker tue nichts anderes, als „den Schock des Kunstwerks (zu) verlängern“. Das finde ich sehr passend. Darum mag ich auch (flüstert) Kuratoren nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass du ja alle Filme selbst aussuchst, was im Festivalzirkus ziemlich einzigartig ist.
Ja, kann sein. Jane Fonda hat gesagt, ich sei der „freundlichste Terrorist“ oder so ähnlich. Weil ich auf ihre Frage, wer die Filme auswählt, antwortete: „Ich.“ Das war für sie als gestandene 68erin ein Unding. Aber so ist es ja auch nicht: Ich könnte das alles niemals machen ohne ein weltweites ..., ich möchte nicht einmal Netzwerk sagen, ohne Leute, die mir Tipps geben, Filme schicken, die sie gesehen haben, Regisseure, die bei der Viennale waren, weisen mich auf etwas hin und so weiter. Aber es muss einen geben, der das alles gesehen hat und auswählt und dahinter steht. Dafür übernehme ich die Verantwortung, dafür kann man mich auch kritisieren, denn ich habe die Auswahl getroffen.

Anderswo werken Auswahlkomitees und Gremien ...
Ja, das führt zu absurden Dingen. Ich war einmal in San Francisco zu Gast, bei Peter Scarlet, ein tolles Festival. Aber als ich ihn fragte, was ich mir am Abend anschauen soll, kam er ins Schwitzen: „Den habe ich nicht gesehen, und der wurde vom Komitee gesichtet ...“ Ich würde mir wünschen, dass diese Tradition bei der Viennale beibehalten wird, auch wenn ich einmal weg bin. Man ist es einfach den Filmemachern schuldig. Wir wissen doch, wie Jurysitzungen ablaufen, das ist ein Kuhhandel: „Ich schlucke deinen Vorschlag, wenn du dafür meinem zustimmst.“ Kunst ist kein Fall für Demokratie. Man stelle sich einen Film vor, bei dem der Regisseur anfängt, mit dem Beleuchter zu diskutieren, und dann mit dem Darsteller da hinten usw., das führt zu nichts. Wenn ich einen Film von Kaurismäki sehe, will ich ja auch, dass er die Entscheidungen getroffen hat, und nicht der Weltvertrieb oder das Finnische Filminstitut oder irgendein Geldgeber aus Portugal. Also, wenn die Viennale eine Qualität hat und zugleich eine Schwäche, dann bin das ich.

Ist aber auch ein bisschen luxuriös, deine Position, oder?
Ja, sicher. Aber man muss auch sehen: Wenn ich nicht erfolgreich bin, fällt mir das auf den Kopf. Wenn die Zahlen zwei Jahre lang fallen, dann heißt es gleich: „Na schau, der Hurch, jetzt wird er alt.“ Jedenfalls liegt darin eine Stärke der Viennale, in der klaren Positionierung, auch wenn mir klar ist, dass ich Fehler mache und blinde Flecken habe. Das soll man kritisieren, und dafür stehe ich auch ein.

Was würdest du machen, wenn du nicht mehr Viennale-Direktor wärst?
Was ich machen würde ... Das sind alles Dinge, die ich auch jetzt schon gerne machen würde, ich müsste nichts erfinden. Es klingt wie ein Klischee, aber lesen würde ich, und reisen, und zwar ohne den Zwang, reisen zu müssen, wie ich es jetzt tue. Ich komme so viel herum, aus beruflichen Gründen, aber das ist nicht das, was ich unter Reisen verstehe. Ich würde, auch wenn das komisch klingt, noch ein Instrument lernen wollen, und dann würde ich vielleicht ein, zwei Bücher schreiben. Ein richtig großes Gesprächsbuch mit Straub, das würde ich gerne machen, und wenn das niemanden interessierte, wäre es mir auch egal. Aber das ist natürlich absolut der falsche Abend, um darüber nachzudenken, heute programmiere ich das Festival, und das macht Spaß. Das ist so eine Art Ritual von mir, diese Post-Its müssen das ganze Jahr auf der Tafel kleben bleiben, und heute Abend nehme ich sie, eines nach dem anderen, herunter und ersetze sie durch die neuen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, David Lynch wegen des Trailers für die heurige Viennale zu fragen?
Er war ja vor einigen Jahren in Wien, und wir machen das ja schon seit Jahren, dass wir bei prominenten Filmemachern anfragen. Dabei geht es schon darum, jemanden zu finden, der eine starke Handschrift hat und das, verdichtet auf eine Minute, machen kann. Da kommt nicht jeder in Frage. Godard fällt einem natürlich ein, der so arbeitet, oder Weerasethakul. Bei Lynch war ich überzeugt, dass er das könnte. Ich war etwas skeptisch, weil er ja länger nichts mit Film gemacht hat. Er schreibt und singt und hat in Paris ein Restaurant gestaltet, das aussieht wie aus Mulholland Drive. Aber er sagte zu und war aufmerksam und interessiert, hat nachgefragt wegen Bild und Ton und technischen Details, also ich glaube, es hat ihm Spaß gemacht.

Wie steht es mit deinem Image als Spaltpilz oder als Reibebaum innerhalb der österreichischen Filmszene?
Gut, ich provoziere gern, und die österreichische Film-szene ist gern wehleidig, da ergänzen sich zwei Sachen, ich würde das nicht überbewerten. Es ist ja nicht so, dass ich wie die vier Reiter der Apokalypse über diese sensiblen Seelen drüberfahre. Die machen zum Teil schwindlige Sachen, und da gibt es ein Stillhalteabkommen, darüber soll man nicht reden. Aber daran halte ich mich nicht. Ich finde hingegen, dass – im Unterschied zu früher – die heimische Filmkritik dem österreichischen Film gegenüber sehr unkritisch ist. Wo wir früher manchmal über das Ziel hinausgeschossen haben, gibt es heute eine Kameraderie, ein geschlossenes Sytem zwischen einzelnen Kritikern und Filmemachern, die ich nicht mehr in Ordnung finde. Aber um ehrlich zu sein: Der österreichische Film interessiert mich gar nicht genug, um mich dauernd damit zu beschäftigen.

Das Interview mit Hans Hurch fand im Septenber 2011 statt.
Erstveröffentlichung in „FAQ“ Nr.: 14

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