article_1290_rosas-danst-rosas_1_580x396.png
Foto: Anne Van Aerschot

Rosas danst Rosas

34 Jahre alt ist Anne Teresa De Keersmaekers bahnbrechendes Stück „Rosas danst Rosas“, aber immer noch frisch und lebendig wie ein Teenager. So frisch, dass sich sogar Popstar Beyoncé der Choreografie bediente. Nun holt ImPulsTanz das Werk zurück ins Odeon Theater. Grund genug für einige Überlegungen zu Pop und Avantgarde, Weiblichkeit und Tanz.

Wie lange dauert es eigentlich, bis Avantgarde zu Mainstream wird und zeitgenössischer Tanz zu Popkultur? 30 Jahre. Diesen Nachweis erbrachte die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker eher unfreiwillig. Im Jahr 2011 „bediente“ sich Pop-Diva Beyoncé für den Videoclip zu „Countdown“ ungefragt bei De Keersmaekers Choreografie „Rosas danst Rosas“, die Thierry De Mey auch verfilmt hatte. Entstanden im Jahr 1983, gilt das Stück bis heute als Meisterwerk, und das sah offenbar auch Beyoncé so. Kein Wunder, denn wie heißt es in einem anderen Song von Frau Knowles? „Who run the world? Girls!“ Das könnte als Motto ebenso gut über „Rosas danst Rosas“ stehen, immerhin lautet der ursprüngliche Untertitel „Five Movements for Four Women“. Einer platten Vorstellung von verführerischer Weiblichkeit jedoch entzieht sich der Abend. Unerbittlich und hypnotisch voranschreitend, strahlen die vier Tänzerinnen Kraft ebenso aus wie Verletzlichkeit, Unnahbarkeit ebenso wie Ekstase. Und wie nebenbei schafft es die Belgierin, keine uniforme Gruppe auf die Bühne zu stellen, sondern Individuen voller Witz und Sexiness. Das Werk schlug in der Tanzszene denn auch ein wie eine Bombe und verschaffte De Keersmaeker den internationalen Durchbruch, dem eine sagenhafte Weltkarriere inklusive aller wichtigen Tanz-Auszeichnungen folgte.

Beatles, Brian Eno und Steve Reich

Die enge Verbindung zur Welt der Musik zieht sich wie ein roter Faden durch De Keersmaekers Œuvre. Neben Aufführungen zu klassischer Musik hat sie sich immer wieder der Welt des Pop zugewandt. Als sie „Rosas danst Rosas“ kreierte, entwickelte sie etwa eine musikalische Sucht nach Roxy Music und Brian Enos Soloalben. Vor allem der Song „Golden Hours“ hatte es ihr angetan. Zu finden auf dem wegweisenden Album „Another Green World“ aus 1975, markierte er für Eno einen Wendepunkt von Rock zu Ambient. „Ich liebe diesen Song so sehr“, hat De Keersmaeker gesagt. „Ich habe eine wirklich kindische, aber sehr ehrliche Beziehung dazu.“ Sie hat denn gleich einen ganzen Abend nach dem 4-minütigem Stück benannt. Im Jahr 2010 wiederum kreierte sie das Werk „The Song“, für welches sie „Das Weiße Album“ der Beatles als Inspiration benutzte. „Pop hat eine spezielle Beziehung zum menschlichen Puls, es ist gute Tanzmusik“, meinte sie einmal und schlug einen Haken zur klassischen Musik: „Haben Sie jemals versucht, zu Anton Weberns zu tanzen? Ich nicht.“ Immer wieder hat sie neben Pop auch andere musikalische Stile als Inspiration genutzt, im Sommer war etwa ihr Werk „A Love Surpreme“ zu John Coltranes wegweisendem Jazz-Album zu sehen. Auch die repetitiven Rhythmen Steve Reichs dienten ihr als Bewegungsanreger und Emotionsverstärker gleichermaßen.

Tanz zwischen Unruhe und Ekstase

Selbstverständlich ist Musik auch bei „Rosas danst Rosas“ integraler Bestandteil des Bühnengeschehens. Thierry De Mey & Peter Vermeersch schufen die unvergesslichen Rhythmen, die auch heute noch in ihren Bann ziehen. Scharfe, präzise und provokante Bewegungen choreografierte De Keersmaeker dazu, atemberaubende Wiederholungen und Variationen, die – glaubt man den über die Jahre angesammelten Publikumsreaktionen – Unruhe und Ekstase auslösen, ein nervöses Mitwippen, eine fast physische Reaktion auch im Zuschauerraum. Wenn das Werk nun für acht Vorstellungen ins Odeon Theater zurückkehrt, tanzt die bereits vierte Tänzerinnen-Generation diesen Leuchtturm der zeitgenössischen Choreografie.

Den Publicity-Schub durch das Beyoncé-Plagiat hatte De Keersmaeker also eigentlich nicht nötig. Überhaupt zeigte die Auseinandersetzung vor allem eines: De Keersmaekers Coolness. Sie nutze die Gelegenheit, um über Pop und Avantgarde, Feminismus und Konsum nachzudenken: „In den 80er Jahren wurde das Stück als Kommentar zu Girl-Power gesehen“, schrieb sie auf ihrer Website. „Nun da Beyoncé es tanzt, hat es keine Ecken und Kanten mehr. Es ist verführerisch in einer unterhaltsamen Konsum-Weise.“ Anstatt sich zu ärgern, rief sie lieber die Initiative Re:Rosas ins Leben, eine Einladung an alle, die plagiierten Tanzpassagen selbst zu interpretieren und zu veröffentlichen. „Vor einigen Monaten sah ich auf YouTube einen Clip, in dem Schulmädchen ‚Rosas danst Rosas‘ zu Madonnas ‚Like a Virgin‘ tanzten. Das war berührend zu sehen.“ Von Beyoncé zu Madonna, von der Tanzbühne auf die Straßen: Wo sonst je hat zeitgenössische Choreografie solche Wogen geschlagen?


Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas Rosas danst Rosas 
17. bis 27. Oktober 2017, Odeon

www.impulstanz.com

FAQ Magazin verlost 1x2 Karten für „Rosas danst Rosas“ am 26. Oktober
Senden Sie bis 19. Oktober eine E-Mail mit dem Betreff „Rosas danst Rosas“ an:
gewinnspiel@faq-magazine.com.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Tags: