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Choy Ka Fai, Dance Clinic © Katja Illner

Explosion von Beats und Rhythmus

Das ImPulsTanz-Festival macht Wien von 12. Juli bis 12. August wieder zur Tanzhauptstadt. Rhythmen gehen spannende Verbindungen mit Choreografien ein, moderne Beats treffen auf Klassik.

Wie sang schon Whitney Houston über das Tanzen, die Musik und die Liebe? „Oh, I wanna dance with somebody / I wanna feel the heat with somebody / With somebody who loves me“. Und tatsächlich ist die Verbindung von Musik und Tanz eine veritable Liebesgeschichte. Doch wie jede Liebesgeschichte hat auch diese ihre Aufs und Abs: Hier wildern Choreografen selbst im Bereich der Musik, da kommen Aufführungen ganz ohne Musik aus – die wechselvolle Amour fou der beiden Welten steht in jedem Fall auch beim heurigen ImPulsTanz Festival im Mittelpunkt.

Punk-Bands, Technohexen und eiskaltes Ballett

„Music makes the people come together“ – das gilt heuer besonders für das wie immer überbordende Workshop-Programm. 230 Workshops machen das Arsenal zum Bienenstock aus Profitänzern und Tanzbegeisterten, allein 100 Open-Level- und Beginner-Workshops richten sich an Anfängerinnen und Anfänger ohne Vorkenntnisse. Auch bei den Workshops liegt der Schwerpunkt heuer auf dem Aufeinandertreffen von Musik und Choreografie. Das komplett neue Departement „music X dance“ lädt dazu ein, die Facetten dieser Affäre am eigenen Leib kennenzulernen. Bewegungsbegeisterte und Klangenthusiasten können bei ganzen zwanzig Workshops tätig werden. Veza Maria Fernandez Ramos & Christina Maria Lederhaas etwa widmen sich in „sounds of pressure“ dem körperlichen Akt des Schreiens und versprechen: „Wir werden zur massiven Punk-Band.“ Elizabeth Ward und Marcos „AC/Boy“ Rondon tauschen in „Techno Witch Ballet“ das Klavier einer klassischen Ballettklasse mit Drum Machines und Synthesizern und wagen einen Vorstoß, um ein Ballett zu finden, „das so erfrischend wie kaltes Wasser sein wird“. Bei den sommerlichen Temperaturen sicher kein Fehler. Der Extremperformer Ivo Dimchev wiederum, der mit seinen Arbeiten zwischen Performance und radikaler Körperkunst das Festival seit Jahren prägt, schmachtet mit den Teilnehmern ganz untypisch zu „Love Songs“. Beatboxen steht bei Leech auf dem Programm, dem gebürtigen Türken, der sich in Wien einen Namen in der Parkour- und Musikszene gemacht hat. Doch nicht nur tagsüber kann getanzt werden, auch in den Nachtstunden bietet das Festival ausreichend Möglichkeiten: ImPulsTanz soçial heißt die bei tout Vienne berühmt-berüchtigte Party-Schiene. Die Festivallounge im Burgtheater Vestibül etwa hat jeden Tag geöffnet, zudem stehen etliche spannende Konzerte auf dem Programm. Am 27. Juli gibt sich zum Beispiel Cid Rim die Ehre, der Multiinstumentalist, der mit seinen Tracks zwischen Jazz und Elektronik nun nicht nur London, sondern auch Wien unsicher macht. Ihm zur Seite: die Musikerinnen und Musiker des Restless Leg Syndrome. Am 25. Juli gibt es ABU GABI zu hören, die auf Facebook zu ihrem Musikgenre schreiben: „genreisthewrongquestion“. Am 8. August stehen dann Captain Hot Dog Sauce auf der Bühne, DJ support by Liza Levitas & J’aime Julien – hosted by FAQ!

Nachts im Museum mit ImPulsTanz

„I don’t wanna dance / dance with you baby no more ...“ Wer nicht selber tanzen will, kann natürlich auch ganz entspannt im Zuschauerraum Platz nehmen und anderen beim Tanzen zusehen. Auch das Performanceprogramm, das allein aufgrund der schieren Anzahl an Choreografen und Aufführungen begeistert, steht heuer im Zeichen der Verbindung von Tanz und Musik. Zentrum hierfür ist das mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, in dem am 23. Juni die große Ausstellung „Doppelleben – Bildende Künstler_innen machen Musik“ eröffnet. Ein idealer Rahmen, die unterschiedlichsten Facetten zeitgenössischen Tanz- und Musikschaffens zu präsentieren und die Zusammenarbeit zwischen Tanz und Bildender Kunst auf eine neue Ebene zu heben. Akemi Takeya – die in den letzten Jahren mit ihrer LEMONISM-Reihe zu den Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts zum veritablen Publikumsliebling avancierte – und der schon aus dem Workshop-Programm bekannte Ivo Dimchev werden hier Performance-Konzerte geben. Andreas Spechtl wiederum – Mastermind der österreichischen Band Ja, Panik! – und Thomas Köck bespielen das Museum mit einem „Geistertanz“-Parcours, der sich nicht weniger vornimmt, als eine Séance für das 20. Jahrhundert zu gestalten. Die kanadische Künstlerin Clara Furey widmet ihre Performance dem großen, in Montreal geborenen Musiker Leonard Cohen. In ihrem Solo setzt sie den eigenen Körper in Beziehung zu einer Skulptur der mumok-Sammlung und verbindet so Tanz, Musik und Museum.

Eszter Salamon und Jule Flierl gestalten ganz unterschiedliche Hommagen an die endlich wiederentdeckte Exil-Künstlerin Valeska Gert, die als Tänzerin 1933 vor den Nazis emigrieren musste und vor allem in Frankreich, den USA und in England arbeitete – auf der Bühne, aber auch als Kabarettbesitzerin, zeitweilen sogar als Tellerwäscherin –, jedoch immer wieder in ihre Heimat zurückkehrte. Während Eszter Salamon der Künstlerin ein imaginäres Museum aus performativen Akten mit Bezug auf Leben und Werk errichtet, bezieht sich die Tanzmacherin und Vokalakrobatin Jule Flierl auf die sogenannten „Tontanz-Stücke“ Gerts, die das Publikum der 20er Jahre irritierten und sicher auch heute für Irritationen sorgen. Die österreichischen Lokalheroen von Liquid Loft rund um Chris Haring – Goldener-Löwe-Preisträger der Biennale in Venedig – zeigen mit der Wien-Version von „Babylon (Slang)“ ein Stück über die Vielfalt der menschlichen Sprachen und Kulturen, während Christine Gaigg in „Meet“ ihr hoffentlich mutiges Publikum zu intimen Begegnungen in Zeiten erotischer Verwirrung lädt. 

Die Beats sind überall

Aber natürlich lässt sich die Musik nicht aufs Museum beschränken, vielmehr schwappen die Schwingungen und Beats auch auf die großen Bühnen dieser Stadt über, die von ImPulsTanz ebenfalls bespielt werden. Salva Sanchis’ Stück „Radical Light“ im Volkstheater etwa ist ein Muss für alle Tanz- und Musikbegeisterten, eine fast ekstatische, körperlich mitreißende Performance zu Minimal-Techno, bei der sich die Schwingungen auch auf die Zuseher übertragen. Was letztes Jahr noch das Publikum im Akademietheater begeisterte, wird nun sicher auch auf der großen Bühne alle von den Sitzen reißen. Simon Mayer, der vom Schuhplatteln bis zur Clubkultur jedes Genre bespielt, wird nicht nur sein jüngstes Werk „Oh Magic“ im Volkstheater zeigen, sondern in der Roten Bar des Volkstheaters mit seinen Sons of Sissys auch eine CD-Release-Party feiern. Xavier Le Roy zeigt seine Version von Stravinskis „Le Sacre du printemps“. Das epochenmachende Werk kommt hier jedoch aus Boxen unter der Zuschauertribüne, die Choreographie übersetzt „nur“ die Bewegungen des Dirigenten Simon Rattle in tänzerische Strukturen. Wo im Original Le Roy selbst auf der Bühne stand, sind es nun drei junge Tänzerinnen und Tänzer, die das unsichtbare Orchester führen. 

François Chaignaud und Nino Laisné zeigen mit „Romances inciertos, un autre Orlando“ vor einer Landschaft aus Naturgemälden ein queer-politisches Stück zu spanischen Melodien des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Musik dazu wird von vier Musikern mit Bandoneon, Harmonika und Viola da gamba live auf die Bühne musiziert. Wer es etwas klassischer mag, ist bei Anne Teresa De Keersmaeker & Jean-Guihen Queyras richtig. Die Großmeisterin der europäischen Tanzszene widmet sich Bachs Cellosuiten mit sicher hinreißender Leidenschaft, immerhin verbindet sie mit der glasklaren musikalischen Struktur Bachs seit langen Jahren ein künstlerisches Band. 

Ein kleiner Schwerpunkt gilt der österreichischen Choreografin Florentina Holzinger, deren Interesse für Körperperformances oft schockierend-überraschende Bilder gebiert. Bei ImPulsTanz zeigt sie ihr „Apollon“ nach großem Erfolg nochmals in Wien. Mit einem halben Dutzend nackter, heroischer Musen schafft sie eine heutige, zutiefst feministische Sicht auf George Balanchines tanzhistorisches Ballettjuwel „Apollon musagète“. Ihre wilde Version katapultiert den griechischen Gott ins Rodeo – und erschafft so ein Werk zwischen Zirkus und Tanz, Body Building, Pop- und Hochkultur. Gemeinsam mit Cecilia Bengolea kreiert Holzinger in „Insect Train“ außerdem ein Werk, das eine choreografierte Insektenwelt auf die Bühne bringt und zwischen Mensch und Tier ein ganz eigenes, queeres Denken zeigt. Weiters leitet Holzinger einen Box-Workshop, ist gemeinsam mit Meg Stuart danceWEB-Mentorin für eine neue Generation Tanzschaffender und tanzt in Choy Ka Fais künstlicher Intelligenz-Studie namens „Dance Clinic“. Apropos Choy Ka Fai: der chinesische Künstler ist mit der Performance „UnBearable Darkness“ und der Ausstellung „The Wind that Cuts the Body“ mit zwei Arbeiten zum Butoh zu Gast, jener Tanzform, die in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg entstand und europäische ebenso wie asiatische Einflüsse verbindet. Choy Ka Fais Auseinandersetzung hiermit wird sicher auch deshalb spannend, weil er spätestens seit dem von ihm im 21er Haus kuratieren Festival [Trans] Asia Portraits als Spezialist für die künstlerischen Zuschreibungen, Klischees und Missverständnisse gilt, die asiatischen Tanz bis heute begleiten. 

Reiskocher trifft auf Internet

Wer bei so vielen großen Namen die junge Szene vermisst, der sei an die Nachwuchsreihe [8:tension] Young Choreographers’ Series verwiesen, die auch heuer neue Tanz- und Performance-Namen in Wien versammelt. Mathias Ringgenberg aka PRICE liefert „Drama, Ironie, etliche Songs und einiges an Kunst“ für sein Stück „Where Do You Wanna Go Today“ im mumok, das sich mit Massenkultur, Neoliberalismus und der Omnipräsenz des Internets beschäftigt. In der Hofstallung des Museums werden bei Alex Baczynski-Jenkins’ „Us Swerve“ drei Performer drei Stunden lang Rollschuhfahren und Ofelia Jarl Ortega aus Schweden verspricht mit „B.B.“ ein „Konzert mit low pitsch Autotune-Gesang und verführerischem Tanz“, während Performer-Musiker Jaha Koo in „Cuckoo“ – seinerseits im Schauspielhaus – in einen einsamen Dialog mit einer Gruppe von Reiskochern tritt. Klingt komisch? Hat aber einen ernsten Hintergrund. Golibmuwon heißt der Zustand von Isolation und Einsamkeit in Südkorea, jener Rückzug vor Wirtschaftskrise und Leistungsdruck, bei der wirklich nur mehr das Küchengerät als Partner bleibt.

Auf ein Gedicht zum Würstelstand

Zu guter Letzt kommt bei ImPulsTanz auch das leibliche Wohl nicht zu kurz: Wer will, kann sich mit Andrea Maurer an den Würstelstand vor dem Kasino am Schwarzenbergplatz begeben und „Found Poems“ lauschen. Bei dieser Begegnung von Festival- und Würstelstandbesuchern entsteht sicher eine ganz eigene Art von Musik. Um es mit den Violent Femmes zu sagen: „Dance Motherfucker, Dance!“ 


ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival
12. Juli bis 12. August 2018
www.impulstanz.com


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