article_1493_julia_holter_c_dicky_baht_580x396.jpg
Julia Holter, Foto: Dicky Bahto

Reizüberflutung Reloaded

Mit „Aviary“ legt Julia Holter eines der bemerkenswertesten Alben dieses Herbsts vor. Das alle Grenzen sprengende Opus enthält neben exzentrischen Popsongs auch einige sperrige und überladene Stücke.

Der Fokus des neuen Albums von Julia Holter liegt nach den eigenen Worten der 1984 geborenen Wahlkalifornierin auf der „Kakophonie des Verstands in einer schmelzenden Welt“, was sich bereits im Eröffnungsstück „Turn the Light On“ als zutreffende Charakterisierung für das, was da noch musikalisch auf einen niederprasseln wird, herausstellt. Trommelwirbel, Harfenkaskaden, rabiate Streicher und Holters verhallte Stimme in wilder Gleichzeitigkeit lassen bereits im Eröffnungsstück den Hörer verdutzt zurück. Das war bei den Kompositionen der Tochter aus bildungsbürgerlichem Elternhaus nicht immer so, zumindest nicht in dieser Intensität. In ihren künstlerischen Anfängen war Holter eher durch gerade für amerikanische Verhältnisse exzentrische Inspirationsquellen aus der griechischen Antike aufgefallen. Es folgten Exploration zwischen E- und U-Musik unter besonderer Berücksichtigung von Billig-Synthies und Produktion im Schlafzimmer. Vom Streichquartett über das Kunstlied sowie anstrengendem Jazz bis zur Avantgarde reichte der musikalische Output Holters, mit dem sie sich einer eindeutigen Kategorisierung entziehen konnte.

Eine Zäsur in Holters künstlerischer Entwicklung stellt das Album „Loud City Song“ (2013) dar, bei dem sie erstmals mit einem Ensemble kooperierte und sich literarisch von der „Gigi“-Novelle (1944) der französischen Dichterin Collette inspirieren ließ. Einen Popularitätsschub erfuhr sie allerdings mit dem für ihre Verhältnisse geradezu mainstreamtauglichen Songzyklus „Have You in My Wilderness“ (2015), der – ohne literarischen Überbau – mit opulenten Streichern, Shoegazesounds, Barock-Pop und dem Übersong „When Sea Calls Me Home“ Holters Anhängerschaft mit einem Schlag vermutlich vervielfachte.

Kreischende Vögel im Kopf
Mit dem uferlosen Opus „Aviary“ hat die kurze Phase ohne literarische Referenzen schon wieder ein jähes Ende gefunden. Die Hauptinspiration aus der Literatur kommt diesmal von der libanesisch-amerikanischen Schriftstellerin Etel Adnan. In einer ihrer Kurzgeschichten findet sich der Satz „Ich befand mich in einer Voliere voller kreischender Vögel“. Diese Voliere gibt dem Album als engl. „Aviary“ seinen Titel. Für Holter ist diese Voliere voller kreischender Vögel eine treffende Metapher für Gedanken, Eindrücke, Träume und Erinnerungen, die pausenlos in unser aller Köpfe umherspuken. Weitere literarische Bezugspunkte sind Troubadoure aus dem 12. Jahrhundert sowie Texte von Dante Alighieri und Sappho aus der Antike. Exzentrischer ist da nur noch ein Text der nepalesischen Nonne und Sängerin Chöying Drölm. Kein Wunder, dass sich Holter in Interviews schon mal mit der Frage konfrontiert sieht, ob die literarischen Referenzen in ihren Texten nicht allzu abgehoben und verkopft sind.

Verweigerung mit Vangelis
Angeblich verbrachte Holter zur Vorbereitung für „Aviary“ das ganze Jahr 2017 damit, zu Hause „kathartische Improvisationen mit ihrer Stimme und einem Synthesizer aufzunehmen“. Inspiration dafür holte sie sich aus dem aktuellen politischen Geschehen und aus der intensiven Beschäftigung mit dem Vangelis-Soundtrack des Science-Fiction-Klassikers Blade Runner (1982). Nach dem ersten Hören von „Aviary“ lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass es sich dabei um eine sogenannte Verweigerungsplatte handeln könnte. Verweigerungsplatten zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen radikalen Bruch im Werk im eines Künstlers markieren (Labels mögen das aus nachvollziehbaren Gründen überhaupt nicht). Für Musiker ist so ein Kurswechsel mit hohem künstlerischem und finanziellem Risiko verbunden, zumal mit dem Wegbrechen der Fanbase gerechnet werden muss.  Zwei pophistorisch wichtige Verweigerungsplatten sind etwa „Tilt“ von Scott Walker (1995) und Talk Talks „Spirit of Eden“ (1988). Holter war mit „Have You in My Wilderness“ beinahe schon im Pop-Olymp angekommen, um drei Jahre später mit dem aktuellen verstörenden Soundmonster einen Teil ihres Publikums potenziell zu verschrecken.   

Vom Dudelsack zur Echokammer
Aber wie klingt nun „Aviary“? Anfänglich sind es gerade mal zwei Ankersongs, zu denen man sich retten kann: „I shall Love 2“ und „Words I Heard“. Je öfter man „I Shall Love 2“ (das übrigens als „I Shall Love 1“ gegen Ende stark modifiziert wiederkehrt) hört, desto klarer zeichnet sich eine berühmte Banane auf weißem Grund vor dem geistigen Auge ab. Nicht ganz so durchgeknallt ist auch „Wether“ , das an „Horns Surrounding Me“ von dem Album „Loud City Song“ erinnert. Vom großen Rest des Albums bleibt zunächst nur wenig in Erinnerung. Wenn man es bis zum Erleichterung verschaffenden  „I Shall Love 2“ geschafft hat, ist die zweite, stärker vom Piano geprägte Halbzeit, nicht mehr ganz so fordernd. Eventuell hat sich ja schon Gewöhnung eingestellt und der Kopf hat wieder freien Arbeitsspeicher um über Parallelen zu artverwandten Musikerinnen wie Kate Bush, Joanna Newsom, Björk, oder Stina Nordenstam nachzugrübeln. Anstrengende Hörarbeit wird einem aber immer noch abverlangt, und bei manchem scheint das Album sogar die Zeitwahrnehmung empfindlich zu stören. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Rezensent im Netz behauptet, das Album würde 130 Minuten dauern. Als ob 90 Minuten im Jahr 2018 nicht schon eine Zumutung wären! Ein total den Rahmen sprengendes Stück ist das achtminütige „Chaitius“: Beginnend mit mittelalterlich anmutenden Instrumenten wie Dudelsack, Flöte und Trompete dockt das Stück in wilder Achterbahnfahrt bei Neuer Musik und Oper an, um ab der dritten Minute in der Echokammer der Gegenwart anzukommen. Gesang und Rezitativ erinnern in diesen Passagen an Laurie Andersons Sprachexperimente und an das exaltierte Fabulieren von Lucia Pamela auf ihrem Science-Fiction-Album „Into Outer Space“ von 1969. Nach mehreren Durchläufen schälen sich dann doch immer mehr wiedererkennbare Strukturen heraus, und Songs wie das mantraartige, Erlösung verheißende „I Shall Love 1“ und „Why Sad Song“ am Ende können fast schon genossen werden.

Ideenfeuerwerk bis zum Anschlag
Insgesamt ist „Aviary“ ein schlicht überwältigendes und damit kaum fassbares Album geworden, das mehr Ideen in ein Stück stopft als viele  Musiker in ihrer ganzen Karriere zustande bringen. Das ist einerseits schwer beeindruckend, anderseits aber auch mächtig anstrengend und oft einfach zu viel von Allem. Sollte „Aviary“ ein Statement gegen die endlose Überreizung werden, kann man es als gescheitert betrachten, weil es – wenn auch auf höchstem Niveau – einen weiteren Beitrag zur Reizüberflutung liefert. Die Chancen stehen gut, dass „Aviary“ auf nicht wenigen Bestenlisten der Musikkritik landen wird, was der schwer unter Genieverdacht stehenden Julia Holter hoffentlich gute Verkaufszahlen bringen wird. Wie oft ein so schwieriges und maßloses Werk dann aber tatsächlich gehört wird, ist eine andere Frage.


FAQ Magazine verlost 3 CDs von Julia Holters neuem
Album „Aviary“ (Domino Records).
juliaholter_aviary.jpg

Senden Sie bis 5. Februar 2019 eine E-Mail mit dem
Betreff „Aviary“ an gewinnspiel@faq-magazine.com

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

Tags: