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FAQ26 Music Selection

Text: Stefan Koroschetz Fotos:

Bruce Springsteen kann es nicht lassen. Jetzt hat er seinen mit wenigen Ausnahmen (Nebraska, The Ghost Of Tom Joad) eh schon ziemlich entbehrlichen Veröffentlichungen mit High Hopes (Sony) eine noch überflüssigere hinzugefügt. Schon das Coverbild (Bruce mit der Gitarre verwachsen in zweifacher Ausführung) schreckt ab, und es wird einem auch musikalisch einiges zugemutet: Liegengebliebenes und Unausgereiftes wurde aufgepeppt, dazu ein paar Covers und Neueinspielungen – fertig war das Album des Grauens. Alles riecht hier nach protestantischer Arbeitsethik, naivem American Dream und Sozialromantik, kombiniert mit einem kaum erträglichen Patriotismus. Verpackt wird das dann in die mehrzweckhallentaugliche Rockhülle. Ist schon die E-Street-Band ein rotes Tuch für mich, mit „Maschinenstürmer“ Tom Morello und seiner quengelnden Solo-Kraftmeierei statt Steve Van Zandt wird der Karren aber nur noch tiefer in den Dreck gefahren. Selbst die Qualitäten eines im Original reduzierten Songs wie „The Ghost Of Tom Joad“ werden in der Stadionversion gnadenlos plattgewalzt. Die Entscheidung Suicides „Dream Baby Dream“ zu covern war gut, sogar die Ausführung hätte in diesem Fall schlimmer kommen können. Das offizielle Video dazu aktiviert dafür wieder den Brechreiz. Ist dieser Mann schon total senil? Das Beste an diesem unglaublich ranzig klingenden Album ist der zu erwartende Tantiemen-Regen für Alan Vega und Martin Rev.

Gutes Gegengift zu Springsteen ist Libertatia von Ja, Panik. Auf ihrem quasi zweiten Debüt-Album nach der Reduktion vom Quintett zum Trio nehmen die Wahl-Berliner eine Kursänderung vor. Das Verhältnis des schwer verdaulichen Vorgänger-Brockens DMD KIU LIDT zu Libertatia entspricht zugespitzt etwa dem von Maria Fekter als Finanzministerin zu Maria Fekter in der Kultur, wo sie „nur noch Wohlfühltermine“ wahrnehmen will. Im besten Sinn in den achtzigern verankert, klingen die zehn Songs erstaunlich fett, was daran liegt, dass die Band erstmals die Möglichkeiten eines Tonstudios wirklich nutzte. Die radikale Anklage ist einem poetischeren Entwurf von Pop gewichen, dazu passt auch das Thema der Utopie von Libertatia, einer Piratenrepublik, die es im 17. Jahrhundert auf Madagaskar gegeben haben soll. Piraten sind Ja, Panik bis jetzt allerdings nur in der Badewanne, in der das sehr lustige Video zum Titelstück spielt. Zu Roxy-Music-Anleihen und Johnny-Marr-Gitarre singt darin der markante, nur mit Halstuch und einem Tupfer Badeschaum bekleidete Andreas Spechtl trilingual (Deutsch/Englisch/Französisch) von einer besseren Welt („One World, One Love, Libertatia“). Wenn die Verhältnisse schon so sind wie sie eben sind, sollen sie wenigstens zum tanzen gebracht werden! „Dance the ECB/ swing the Staatsfinanzen/ sing ihnen ihre Melodien/ und bring sie zum Tanzen“ („Dance the ECB“); wunderbar was für eine originäre Sprache Spechtl sich erschaffen hat. „ACAB“ richtet sich gegen linke Propaganda und interpretiert das eindeutige Kürzel gegen den Strich als „all cats are beautiful“, dazu wird auf Peter Weibel verwiesen („Liebe kann kein Hospital sein ...“). Durchwegs in süffige Melodien und catchy Arrangements gegossen sind die klugen Texte, und bei tieferem Eintauchen in „Libertatia“ wird klarer, warum Ja, Panik fast jedes einschlägige Magazincover zier(t)en.

Ganz dem Englischen als Textsprache verschrieben hat sich der Wiener Pieter Gabriel. Sein im Popkontext vorbelasteter Name hat sich als suboptimal erwiesen, weshalb Gabriel nun unter dem Signet Sleep Sleep veröffentlicht. Mit City Of Last Things hat er 2009 ein ruhiges, folklastiges Album auf den Markt gebracht. Beim Bluebird-Festial 2010 mit Band klang Gabriel schon wieder anders. Hier war einer in Bewegung und Entwicklung, das sollte sich zunächst auf einer nur als Free Download angebotenen EP mit Coverversionen manifestieren. Gospel (Noise Appeal) heißt das Album von Sleep Sleep, das hinreißende Stücke zwischen Fake-Americana, Hybrid-Synth-Pop und Psychodelia vereint, die sich begrifflich schwer in eine Klammer fassen lassen. Produziert und arrangiert sind die acht Songs jedenfalls mit Akribie und viel Know-how auf eine Art und Weise, die Räume aufreißt und (Ambient-)Flächen mit viel Atmosphäre wirken lässt. „Twin Peaks“ und „Old Joy“ suggerieren als Songtitel Nähe zum Film. In seiner Geradlinigkeit ist das somnambule „Sunrise“, das schon zu Presse/FM4 „Der Song zum Sonntag“-Ehren gekommen ist, das eingängigste Stück. Sehr lässig auch der Schluss von „Take the Money and run“ mit dem „absterbende Schallplatte“-Sound. Von Sleep Sleep ist noch Einiges zu erwarten!

Zu Recht Großes erwartet man auch von Molden/Resetarits/Soyka/Wirth. Nach Ohne Di von 2009 ist Ho Rugg (monkey) der zweite Liedzyklus den Molden und Resetarits zusammen aufgenommen, für dieses Quartett ist es trotz vieler gemeinsamer Liveshows die erste Studioarbeit. Die zwölf Stücke transportieren ein Panoptikum an Beobachtungen und Geschichten, welche die Topografie des Wienerischen sprengen. Songs wie das unheimliche „Drobn im Noadn“, „Da Neisiedler See“ und „Grizznduaf Zwaadosndzwaa“ stecken ihr Näschen deutlich über den Wiener Schnitzeltellerrand hinaus. Im Umgang mit dem Wiener Dialekt hat Molden derweil eine spielerische Selbstverständlichkeit entwickelt, mit der man ihm auch den Hacklerbuam aus Simmering abnehmen würde. Angenehm kantig sind zwölf Stücke geworden, etwa gleich zum Einstieg die Marc-Ribot-Gitarre von HannesWirth, gefolgt vom zarten „Sebdemba“, dessen Anfang an Georg Danzers’ Elfie erinnert. Ein schönes, poetisches Album. Ohne wenn und aber.

Das deutsch/amerikanische Quartett Brace/Choir präsentiert auf Turning On Your Double (Tapete) ein zündendes Gemisch aus Trance-Rock, Avant-Americana und Minimal Psychedelia. Neben dem gängigen Instrumentarium kommen eine Farfisa-Orgel und allerlei manipuliertes Zeug zum Einsatz, Instrumententausch ist Pflicht und die Einnahme der einen oder anderen bewusstseinserweiternden Substanz vielleicht auch. Immerhin geht es textlich viel um Rauschzustände und Geisteskrankheiten, was man zwar akustisch kaum verstehen, dafür aber durchaus spüren kann. Eine intensive akustische Odyssee in acht Stationen ist bei „Turning On Your Double“ garantiert, diverse Entspannungssubstanzen dazu könnten das Erlebnis noch verstärken. 

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